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Tätigkeitsbericht 2000


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Übersicht / Die Multizentrische Studie

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Ergebnisse der Multizentrischen Studie (I): Der Symptomverlauf während der stationären Therapie und seine Bedeutung für die Behandlungsplanung

Methodik & Technik: Evaluation
M. Richard, H. Kordy, H. Kächele

Nach Abschluß der MZ-ESS und der Bearbeitung der Hauptfragestellungen lag der Schwerpunkt im Berichtsjahr auf der Exploration spezieller Teilfragestellungen.
Während der Behandlung fanden in 4-wöchentlichem Abstand Erhebungen der Symptomschwere anhand der Kurzbeurteilungen statt. Sie erlauben die Abbildung und Modellierung individueller Verlaufskurven mit Methoden der Hierarchisch Linearen Modellierung. Es zeigen sich deutliche Unterschiede im Verlauf der Symptomentwicklung zwischen den Diagnosen Anorexie (AN) und Bulimie (BN): Bei BN läßt sich innerhalb der ersten 4 Wochen häufig eine starke Symptomreduktion (Therapie-Response) beobachten, während dieser frühe Response bei AN deutlich geringer ausfällt. Patientinnen mit Response haben eine 3-4 mal so große Chance auf Therapieerfolg am Ende der Behandlung als Nicht-Responder. Dieser Zusammenhang ist für AN – wenn auch abgeschwächt – auch nach 2,5 Jahren noch zu beobachten; dies gilt nicht für BN, was möglicherweise auf die relativ hohen Rückfallrate bei BN zurückzuführen ist.
Da sich Responder und Non-Responder hinsichtlich der Geschwindigkeit der Symptomentwicklung unterscheiden, lassen sich mit Hilfe von Hierarchischer Linearer Modellierung eigene Referenzverläufe für Responder und Nicht-Responder erstellen. Diese markieren den Bereich positiv verlaufender Therapien.
Diese Ergebnisse haben Implikationen für die Behandlungsplanung: Eine kontinuierliche Beobachtung der Symptome während der Behandlung und der Vergleich mit dem Referenzverlauf kann den behandelnden Therapeuten wertvolle Informationen zur Adjustierung der Prognose liefern. Insofern unterstützt ein solches Monitoring eine adaptive Behandlungsplanung. Weicht z.B. der Verlauf der Symptomschwere einer Patientin stark negativ vom Referenzverlauf ab, so ist dies ein Hinweis auf eine negative Prognose.









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Ergebnisse der Multizentrischen Studie (II): Rückfallprädiktoren bei Eßstörungen 2,5 Jahre nach der stationären Behandlungsepisode

Methodik & Technik: Evaluation
M. Richard, H. Kordy, H. Kächele

Die eingehende Analyse des Zeitraumes nach Entlassung bis zum Zeitpunkt von 2,5 Jahren nach Behandlungsbeginn mit Hilfe von Survival-Analysen zeigt, daß sich das Rückfallrisiko von AN und BN unterscheidet. 40% der AN Patientinnen, die eine partielle oder volle Remission erreicht hatten, erlitten wieder einen Rückfall, bei Bulimie sind es 50%. Das Risiko ist bei AN in den ersten 7 Monaten nach der eingetretenen Besserung am höchsten. Bei BN konnten in den ersten zwei Monaten nach der Besserung keine Rückfälle beobachtet werden, in den Monaten 3 bis 10 besteht das höchste Rückfallrisiko, das mit zunehmender Dauer der Remission jedoch abnimmt.
Bei den Anorexien wurden Rückfälle nur nach partieller Remission beobachtet, nur ein Rückfall geschah nach voller Remission. Außerdem waren ein höherer Chronifizierungsgrad und ein niedrigeres Wunschgewicht mit einer erhöhten Rückfallrate verbunden. Patienten aus Spezialkliniken für Eßstörungen hatten ebenfalls ein geringeres Rückfallrisiko (trotz relativ kurzer Behandlungsdauer). Die Einnahme von Medikamenten und weitere psychotherapeutische Behandlung im Katamnesezeitraum waren weitere Faktoren, die mit weniger Rückfall einhergingen.
Bei den Bulimien war die Rückfallrate nach voller Remission deutlich seltener als nach partieller Remission, ebenso bei Patienten mit guter Behandlungsmotivation im Vergleich zu Patienten mit niedriger Motivation. Weitere stationäre Behandlung im Katamnesezeitraum war häufiger mit Rückfällen verbunden. Dabei ist Ursache und Wirkung unklar, da es sich um Korrelationen handelt.









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Konzeptualisierung und Analyse von Verlaufsveränderungen bei Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa

Management & Planung: Evaluation
B. Krämer

Bislang gibt es keine allgemein akzeptierten Kriterien zur Verlaufsbeschreibung von Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa. Während das Vollbild der Störung im DSM-IV genau definiert ist, gibt es keine Informationen darüber, welche Kriterien für eine (Teil-) Remission oder eine Gesundung erfüllt sein müssen. Diese Kriterien beziehen sich sowohl auf Symptome bzw. deren Veränderung als auch auf Zeiträume. Ziel dieser Studie war es, eine möglichst optimale Definition dieser Verlaufszustände empirisch abzuleiten. Dabei stützt sich die Arbeit auf ein Modell, das zur Verlaufsbeschreibung der Major Depression entwickelt wurde. Die Übertragung der im Modell verwendeten Methode zur Definition von Störungsverläufen auf die beiden Eßstörungen führte zu drei Hauptfragen: (A) Welche der im DSM-IV festgelegten Diagnosekriterien dürfen nicht mehr vorhanden sein, um "(teilweise) Symptomfreiheit" sinnvoll und eindeutig zu definieren? (B) Ab welcher Zeitdauer der Symptomkonstellation "teilweise Symptomfreiheit" ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls erkennbar reduziert? (C) Sind die für beide Störungen abgeleiteten Modelle in sich konsistent?
Diese Fragen wurden anhand katamnestischer Daten von 422 Anorektikerinnen und 256 Bulimikerinnen (nach DSM-IV) der MZ-ESS bearbeitet. Der Katamnesezeitraum umfaßt durchschnittlich 30 Monate. Die genannten Fragen wurden mit Kaplan-Meier-Überlebenskurven explorativ beantwortet. Die Ergebnisse zeigen, daß für die Anorexie folgende Definition von "symptomfrei" optimal ist: mindestens 89% des erwarteten Gewichts, keine Angst davor, dick zu werden und keine Amenorrhoe. Für die Bulimie lautet die Definition: nicht mehr als eine Eßattacke pro Woche, keine gewichtsregulierenden Maßnahmen und keine übermäßige Beschäftigung mit Figur und Gewicht. Die Symptomfreiheit muß bei der Anorexie mindestens einen Monat, bei der Bulimie mindestens zwei Monate Bestand haben, die teilweise Symptomfreiheit muß bei der Anorexie mindestens drei Monate, bei der Bulimie mindestens zwei Monate Bestand haben. Danach ist die Rückfallwahrscheinlichkeit jeweils erkennbar reduziert. Beide abgeleiteten Modelle sind in sich konsistent, d. h., wie vom Modell erwartet, lassen sich Teilremission und Vollremission gut voneinander abgrenzen.









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Ausblick

Management & Planung: Evaluation
J. von Wietersheim, W. Herzog, H. Kächele

Im Jahre 2000 ist der Abschlußbericht der multizentrischen Studie "Psychodynamische Therapie bei Eßstörungen" fertiggestellt und gedruckt worden, Exemplare können bei der Forschungsstelle für Psychotherapie angefordert werden. Einige der Hauptergebnisse sind auch im Jahresbericht 1999 enthalten. In einigen Zentren und Arbeitsgruppen fanden weitere Auswertungen zu speziellen Fragestellungen statt, deren Ergebnisse zum Teil als Publikationen eingereicht sind. So beschäftigt sich eine Arbeit (Metzger et al.) mit der Häufigkeit von ambulanten und stationären Behandlungen bei eßgestörten Patientinnen. In einer Dissertation (B. Krämer) wurden die Häufigkeiten von Teilremissionen, Vollremissionen und Rückfällen analysiert. Die Definition dieser Begriffe erfolgte anhand eines Verfahrens, das in der Depressionsforschung entwickelt wurde. Auch die Persönlichkeitsdaten der eßgestörten Patientinnen sind jetzt teilweise ausgewertet und zur Publikation eingereicht (von Wietersheim et. al.). Es zeigte sich, daß die eßgestörten Patientinnen in vielen Persönlichkeitszügen stark auffällig sind. Diese Auffälligkeiten verringern sich unter der stationären Psychotherapie und auch weiter im Katamnesezeitraum, die Werte erreichen jedoch nicht den Bereich gesunder Probanden.
Ausgehend von einem Beschluß des letzten Arbeitsgruppentreffens der multizentrischen Studie wurde eine weitere Katamneseuntersuchung ca. 7 Jahre nach dem damaligen Behandlungsbeginn geplant. Fast alle bisher beteiligten Kliniken wollen auch an dieser weiteren Katamnese teilnehmen. Zur Finanzierung dieser Untersuchung ist ein Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft gestellt worden.









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© Forschungsstelle für Psychotherapie, 2000-2002; Impressum
letzte Aktualisierung: Januar 2002